Katalog Galerie FLOX NR 1 2014

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Stephan Popellas ironischer Realismus (Autorin: Katrin D. Herold, Berlin 2014)

Popellas dokumentarisch genaue Arbeiten in einem physischen und psychologischen Realismus  versuchen den Betrachter zu irritieren: Sei es durch die erschreckend detailgenaue Abbildung von Wunden, durch das Verlachen historischer Größen im Bildmotiv oder mittels Verschiebung von Kontexten in der Komposition selbst. Meist werden Inhalte schon im Werktitel angedeutet und transportieren die doppelbödigen Verweise auf eine bildimmanente Metaphorik. Die Betrachterführung wird mit Hilfe des dramatisierenden Effekts des chiaroscuro betont – eine in Renaissance und Barock entwickelte Hell-Dunkel-Malerei die ebenfalls im Goldenen Zeitalter der Niederlande bis zu spotartiger Lichtinszenierung perfektioniert wurde. Auf Grund der gezielt gesetzten Kontraste entsteht im Bildraum mehr Tiefe und der Ausdruck kann stärker ausgestaltet werden.

 

Mit seinem figürlichen Werk steht Stephan Popella im zeitgenössischen Kunstkontext als singuläres Phänomen: Zum Einen zwischen den tradierten Akteuren der Leipziger Schule und zum Anderen in der Folge historischer Vertreter diverser realistischer Malstile. Dabei changieren die Anklänge zwischen den schonungslosen Darstellungen der ersten Realisten bis zu ideologischer Malerei zur Legitimierung von Staatsoberhäuptern. Letzteres hinterfragt Popella mit pointiertem Witz. Die weitreichenden Hintergründe sieht man den verdichteten Bildmotiven Popellas an. Durch sein begonnenes Studium der Geschichte, Philosophie und Kunstgeschichte konnte Popella Einblicke in den wissenschaftlichen Aspekt von Inhaltsvermittlung und in historisch-philosophische Diskurse gewinnen, um daraus seine Methoden zur Genese eigener Bildmotive entwickeln.

In Kenntnis dieser Vorläufer distanziert er sich gleichermaßen von den alten Mustern und sucht einen neuen Impetus im Werk einzulösen. Durch ironische Brechung sollen Motive ihrem bisherigen Gebrauch enthoben werden. Die Malerei zielt auf eine Kontextverschiebung von üblichen Sehgewohnheiten, die anregen dem täglich Gesehenen auf den Grund zu gehen und des Betrachters Sinne zu schärfen. Popella bedient dabei keine politischen Positionen oder klagt an, er nimmt eine aufzeigende Perspektive ein, um dem Betrachter zu erleichtern, in der Fülle der Interpretationsmöglichkeiten und zitierten Zusammenhänge eine eigene Version des Bildinhalts entstehen zu lassen.

 

Popellas Qualität liegt in der gekonnten Kombination aus spielerischem Umkodieren der seriösen Themenkreise und seiner künstlerischen Finesse im malerischen Duktus.

Seit 2009 arbeitet Popella zumeist auf großformatigen Malgründen. Zu Anfang eines Malprozesses konzipiert Popella seine Motivik um diese danach in Acryl auf Leinwand auszuführen. Dabei hat er seine lasierende Technik immer weiter verfeinert, bis die einzelnen Farbschichten enorme Stimmungseffekte erzielen. Mehrere Farbschichten übereinander erschaffen eine Bildtiefe, die oftmals in ein düsteres Bildgeheimnis zu führen vermag.

War Popella 2011 noch der Hauptprotagonist in den eigenen Bildern und diente somit dem Betrachter als Projektionsfläche eines generellen Jedermann-Typus Mensch, wird die Staffage in den neueren Werken um diverse Figuren erweitert. Besonderes Augenmerk lenkt der Maler vermehrt auf eine Entmystifizierung der Ikonenverklärung, aufgezeigt in der auratischen Überhöhung Richard Wagners in „Schrein“. Daneben behandelt er ebenso dokumentarische Szenen, etwa Stillleben oder in aktueller Tendenz das ‚Bild im Bild‘ Zitat als ergänzender Bedeutungsträger, etwa in „Wahl“.

Die Athenebildnisse „Guck“ und „Horch“ karikieren den damaligen Spitznamen des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR. Waren damals alle Lebensbereiche der Bürger zur Überwachung staatsfeindlicher Aktionen von jenem System infiltriert, illustriert Popella die Seite einer alltäglichen Neugier, die jeden bereits beim Blick aus dem Fenster, in den Kühlschrank oder beim zuerst unfreiwilligen Mithören fremder Gespräche erlebt, die dann aber eine ungeahnte Faszination bergen und ihnen beinahe automatisch nachgibt.

Ein Abbild nackter Füße steht scherzhaft als pars pro toto für einen ganzen „Akt'“ wie ihn der Bildtitel verlauten lässt. Aber keine Banalität verbirgt sich hinter dem spröden Wort, sondern die exemplarische Darstellung lebendiger nackter Haut,detailgenauer kräftiger Füße die sich beinahe beschämt aneinander schmiegen als warten sie auf den Aufbruch oder drohten bei nächster Bewegung auf dem spiegelglatten Boden das Gleichgewicht zu verlieren. Darüber hinaus finden sich in Popellas Œvre noch jede Menge Schuhe als Ergänzungsmotive zu den entblößten Füßen. Jene Stillleben führen wiederum durch den Widerspruch zwischen Titel und Bild – etwa in “Lauf”, worin die Schnürsenkel massiver Arbeiterschuhe verknotet sind und der Aufforderung gemäß, nur der Sturz folgen kann – eine intendierte Komik vor.

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